Ein Kommentar zu „Einführung und Vortrag Prof. Dr. Sascha Neumann

  1. Sascha Neumann unterscheidet zwischen relationalen Substanzontologien, in denen Relationalität als Eigenschaft bestimmt wird, und einem reflexiven Relationalismus, der durch eine reflexive Beobachterposition gekennzeichnet ist. Letzteres entspricht ungefähr auch dem, was Dépelteau (2013) als „deep relationalism“ bezeichnet (vgl. Leseliste). Bei einem reflexiven Relationalismus gehe es immer auch um den Einschluss der Beziehung des bzw. der Forschenden zum Gegenstand. Dieser Gegenstand der Forschung wird mithin erst hervorgebracht (Bsp.: Latours „zirkulierende Referenz“ und Bourdieus „teilnehmende Objektivierung“). Neumann stellt hiervon ausgehend infrage, wie sinnvoll es ist, von „angewandten“ Sozialwissenschaften zu sprechen. Dies würde implizieren, dass angewandte Wissenschaften in stärkerem Maße mit ihrem Gegenstand verknüpft seien als Grundlagenwissenschaften. Eine reflexiv-relationalistische Wissenschaftsauffassung würde demgegenüber jedoch behaupten, dass die Beziehung zwischen wissenschaftlicher Beobachtung und Gegenstand für jede Wissenschaft konstitutiv ist und sich insofern nicht als Abgrenzungskriterium zwischen angewandten Wissenschaften und Grundlagenwissenschaften eignet. Hieraus folgert Neumann, dass die Ansprüche des Relationalismus reflexiv auf die angewandten Sozialwissenschaften anzuwenden wären.
    Würde man diesem Ratschlag folgen, wäre jedoch erstens zu fragen, ob nicht eben genau in der empirischen Rekonstruktion der spezifischen Relationierung zwischen Forschung und Praxis spezifische Muster erkennbar werden, durch die sich angewandte Wissenschaften von anderen Wissenschaften unterscheiden. Zweitens wäre zu fragen, ob aus einer Perspektive, die eine Relationierung von Wissenschaft und Gegenstand für in jedem Fall konstitutiv hält, eine Differenzierung zwischen substanzontologischen und reflexivem Relationalismus noch sinnvoll ist, sondern es immer vielmehr immer schon um die Beschreibung der spezifischen Form der Relationierung gehen müsse. Und drittens ergibt sich die Frage, ob die von Neumann für die gegenwärtige Sozialpädagogik beschriebene Hinwendung zu reflexiv-relationalen und praxeologischen Methodologien tatsächlich eine relationale Forschungspraxis begründet, die ihrer eigenen Verflechtung bewusst ist.

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